Bureau Central de Wendel

Frühjahr 2019

Großindustrielle aus Lothringen waren sie, die Familie de Wendel. Wer hier im Dreiländereck lebt, hat auf irgend eine Art von ihnen gehört: sei es über den Ortsnamen Stiring-Wendel, der an die Familie erinnert, das Ausflugsziel Le Carreau Wendel, ein ehemaliges Steinkohlebergwerk, oder über Straßennamen und ähnliches.

Die Stahlkrise traf die Familie wie die Region sehr hart; Gebäude und Produktionsstätten wurden nach und nach stillgelegt, und es erfolgte eine ganze Reihe an Übernahmen über Usinor-Sacilor zu Arcelor, inzwischen aufgegangen ArcelorMittal – genau wie ARBED übrigens, die Aciéries Réunies de Burbach-Eich-Dudelange, zu der seit 1982 unter anderem auch die Arbed Saarstahl GmbH in Völklingen bzw. deren Vorgänger Völklinger HütteBurbacher Hütte und Neunkircher Eisenwerk gehört hatten.

Der gesamte Großraum zeigt auch heute noch beeindruckende Spuren dieser Zeiten, bisweilen muss man jedoch gezielt danach suchen: stillgelegte und überwucherte Stahlwerke wie die Usine ARBED Esch-Schifflange, Kraftwerke wie die Centrale thermique ARBED Terres Rouges.

„Stahl-Tycoone“ würde man die de Wendels heutzutage nennen – ihr Geld machten sie in der Stahlindustrie, und es war nicht gerade wenig Geld, das sie da machten. Das sollte und durfte auch jeder sehen: sie errichteten nicht nur das Château d’Hayange mit eigener Kapelle, sondern unterhielten auch prächtige Landsitze. Und natürlich nicht zuletzt das Bureau Central de Wendel, ein in wirklich jeder Hinsicht beeindruckendes Verwaltungsgebäude, in dem die Fäden der Stahlwerke und Zechen sozusagen zusammenliefen.

Dieser Ort hat sich unmittelbar in mein Herz und die Top Ten meiner liebsten Lost Places katapultiert: sogar in seinem jetzigen unrettbaren Zustand ist in jedem Moment die Liebe zum Detail erkennbar, spürbar, dieser Ort hat seine ganz eigene Atmosphäre. Viele Stunden und buchstäblich tausende von Schritten habe ich hier zugebracht, im Staub liegend, flüchtende Ratten anleuchtend. Ein Gebäude voller Superlative – der alte Aufzug, das kunstvolle Glasdach, die unfassbar langen Gänge mit den Glaseinsätzen im Boden, die der indirekten Beleuchtung dienten –

Ich könnte stundenlang weitererzählen.

 

Soundtrack: „Stressed Out“ · B. Cristofori · Background Piano For Studying

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