Wie alles begann…

Leerstand faszinierte mich schon immer

Allerdings stand ich da allein mit meiner Meinung...

Seit ich denken kann übte Leerstand einen besonderen Reiz auf mich aus: Fenster, die wie erloschene Augen wirken, einsinkende Dächer, sich neigende Mauern und diese einzigartige Atmosphäre, die sie ausstrahlen. Immer hatte ich eine kleine Zahl solcher Objekte auf dem Radar, verfolgte ihren Werdegang über sie Monate und Jahre hinweg. Manchmal machte ich ein Foto, zu dokumentarischen Zwecken sozusagen, und ich lernte nach und nach die Zeichen der Zeit zu deuten und auch vorherzusagen. In meinem Bekanntenkreis war das ähnlich freakig, als würde ich vor dem ersten Kaffee ein Epigramm von Horaz rezitieren und dabei meine Nacktschnecke kämmen… was ich damit sagen will: ich behielt es für mich und redete nicht darüber.

Aber dann fand ich irgendwann seine Webseite, damals noch unter einer völlig anderen, anonymen Adresse; und auch über ihn gab sie praktisch keine Informationen preis – das einzige, was ich mit ziemlicher Sicherheit vermuten konnte, war „er scheint in meinem Alter zu sein“ und „er wohnt in meiner Nähe“. Aber vor allem seine Bilder: er kannte nicht nur jene Lost Places, die ich von außen beobachtete, sondern noch unendlich viele mehr – doch er ging hinein und brachte diese faszinierenden Bilder mit, die mich nicht mehr losließen. Ich verbrachte Stunden mit dem Durchforsten seiner Gallerien und war schockverliebt in seine Arbeit.

 

Ich fühle mich wie süchtig

Und deshalb schrieb ich ihn an

Ich tat etwas, das ich nie zuvor und auch nie wieder danach gemacht habe: ich schrieb ihn an, schrieb ihm an diese etwas absurde Pseudonym-Mailadresse, die er auf seiner anonymen Webseite hinterlegt hatte. Und er tat etwas, was – inzwischen weiß ich das – auch eher unüblich für ihn und seinen Umgang mit Groupies ist: er antwortete. Und schon wenige Tage später lernten wir uns persönlich kennen – bei unserer ersten Tour, die uns zum Autofriedhof, zu den Militärfahrzeugen und zu Château de Noisy führen sollte. Ich lernte, dass der fachlich korrekte Terminus für Menschen wie uns nicht „Freak“ lautet, sondern „Urban Explorer“; und ganz plötzlich war ich nicht mehr alleine, sondern hatte Mitstreiter.

Über die Jahre wurde aus einem Hobby Freundschaft, und es ist schon viele Jahre her – wir sind die Veteranen, wir waren schon unterwegs, als es noch völlig uncool war. Wir haben viel erlebt – Beziehungen entstanden und lösten sich wieder auf, Babies wurden geboren und Hochzeiten gefeiert, Häuser gebaut und gekauft und renoviert und Würstchen gegrillt – und währenddessen unsere Touren, selten, manchmal, und manchmal auch gar nicht und manchmal auch haarsträubend oder ärgerlich – aber niemals nie. Für mich ist es etwas ganz besonderes, auf das ich nicht verzichten kann – weil es mich vervollständigt und zu mir gehört.

An einem hat sich bis heute nichts geändert: ich bin nach wie vor sein größter Fan. Ich bin stolz auf das, was wir bisher erreicht haben – und noch erreichen werden, denn wir sind noch lange nicht fertig.

 

Urban Explorer waren wir schon lange vor dem Hype um dieses Thema.

Und wir werden weitermachen, wenn der Hype lange beendet ist.

Für mich ist es weit mehr als ein Abklappern von Locations, weit mehr als „Been there, done that“, es ist Leidenschaft, Emotion – meine melancholische Seite, über die ich nicht sprechen kann.

Seid ruhig gespannt, was noch so kommen mag – wir sind noch lange nicht durch.